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Der Anfang vom Alltag

Fast genau drei Wochen nach meiner Ankunft war es dann soweit und nach etlichen Behördengängen habe ich endlich mein Visum erhalten. Somit war die Ankunftszeit, während der ich mit den anderen Freiwilligen eigentlich ohne Verpflichtungen in den Tag leben und die Stadt und die Kultur entdecken konnte, zu Ende. Das bedeutete zum einen, dass ich mich einmal mehr verabschieden musste, diesmal von meinen neu gewonnenen Freunden und Freundinnen, die in ihre WGs in anderen bolivianischen Städten zogen, und zum anderen, dass meine Arbeit als Freiwilliger begann.

Denn während die ersten Wochen eher wie eine Klassenfahrt wirkten, bin ich nach Bolivien gereist, nicht nur um Neues zu erleben, sondern um als Freiwilliger irgendwie einen guten Einfluss zu haben. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich selber nicht genau, was und wo ich arbeiten würde, da ich mich in Deutschland lediglich für eine pädagogische Ausrichtung entschieden hatte, aber dieses Geheimnis sollte bald gelüftet werden.

Mit ordentlich Aufregung habe ich nämlich an einem Montag gemeinsam mit meinem Mentor, der sich hier um uns Freiwillige kümmert, das erste Mal meine Arbeitsstelle besucht. Hier lernte ich das „CERPI“ (Centro de Recursos Pedagógicos Integrales) kennen, eine Art Bildungszentrum, welches einen Kindergarten, eine Hausaufgabenhilfe, aber auch ein riesiges Nachmittagsangebot mit Ballettkursen, Fußballtraining, Schachunterricht und vielem mehr umfasst. Glücklicherweise ist meine Arbeitsstelle nur zehn Minuten zu Fuß von unserer WG entfernt, wodurch ich einen wirklich kurzen und entspannten Arbeitsweg habe.

Meine Arbeit besteht darin, sowohl vormittags von 08:30 bis 12:30 als auch nachmittags von 14:30 bis 18:30 Kindern bei ihren Hausaufgaben zu helfen. Das bedeutet, dass Jungen und Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren in das CERPI kommen, wo sie von Lehrerinnen und Lehrern, sowie einigen Freiwilligen Unterstützung bekommen. Ganz konkret helfe ich dann beispielsweise bei Mathe-, Englisch- oder sogar Spanischhausaufgaben. Wenn ich mal bei Spanischaufgaben unterstütze, habe ich jedoch ehrlich gesagt oftmals das Gefühl, dass ich mehr lerne als die Kinder.

Ab und zu wirkt die Arbeit ein wenig eintönig, da die Kinder oft sehr ähnliche Aufgaben bearbeiten, allerdings sind die Kleinen so offen und ungehemmt, was wirklich putzig und herzerwärmend ist. Komme ich beispielsweise morgens zur Arbeit, so schreien die ersten Kinder „Ahhh Profe Tino“ (sogar als Freiwilliger werde ich mit Profesor oder auch kurz Profe angesprochen) und geben mir direkt eine Umarmung. Hierbei finde ich auffällig, wie unterschiedlich das Verhältnis zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen im Vergleich zu Deutschland ist. Im CERPI habe ich das Gefühl, dass diese Beziehung eher wie zwischen Geschwistern und demnach auch viel lockerer und entspannter ist.

Freitags ist das Programm allerdings immer ein wenig anders als die anderen Tage, da hier hauptsächlich gespielt, Musik gehört oder Videos zu wichtigen Themen wie Gewalt in Familien oder Mobbing angeschaut werden. Neben Spieleklassikern wie Mensch ärgere dich nicht, Uno oder Schach spiele ich auch ab und zu Fußball oder Basketball mit den Kindern auf dem Sportplatz, der auch zum Gelände des CERPI gehört.

Besonders ist zudem ein weiteres Angebot des CERPI, die sogenannte „escuela móvil“. Diese mobile Schule ist ein kleiner Minibus, der fast randvoll mit Brettspielen, Bällen, kleinen Lernspielen und Sonstigem gefüllt ist und Montag bis Donnerstag in etwas ärmere Viertel am Stadtrand fährt. Dort kommen die Kinder in Scharen an, sobald sie den Bus hören. Wenn dann erst einmal alle Spiele ausgeräumt wurden, wird mit den Kindern gespielt, geredet und gelernt. Auch dadurch konnte ich nochmal andere Seiten von Bolivien und Sucre sehen. Aber auch hier finde ich es wieder auffällig, wie offen und interessiert die Kinder sind.

Insgesamt kann ich bereits jetzt sagen, dass es mir wirklich Spaß macht, mit den Kindern zu arbeiten und ich denke, dass ich auch wirklich einen guten Einfluss habe, da ich den Kindern direkt helfen kann.

Neben acht Stunden Arbeit bleibt unter der Woche leider nicht so viel Zeit übrig, um wirklich andere Dinge zu tun. Hinzu kommt, dass ich mich nun auch mit „Erwachsenendingen“ beschäftigen muss:
Großeinkäufe machen, kochen, putzen, Geld umtauschen und vieles mehr. Trotzdem versuche ich, ab und zu in meiner Mittagspause in die Stadt zu gehen, wobei die Mittagspause meistens für einen Mittagsschlaf genutzt wird 😊.
Falls ich mich dann doch dazu entscheide, meine Mittagspause in der Stadt zu verbringen, versuche ich möglichst viel Zeit zu sparen, weshalb ich mich häufig gegen einen Spaziergang in die Stadt entscheide und stattdessen mit dem Taxi fahre. Aus deutscher Sicht mag das zunächst unvorstellbar wirken, jedoch gibt es in Bolivien nicht nur deutlich mehr, sondern vor allem auch deutlich günstigere Taxis. So bezahlt man meistens für eine Taxifahrt 6 Bolivianos, also umgerechnet 40 Cent. Eine andere Möglichkeit sind die sogenannten Micros, die wie kleine Busse immer eine bestimmte Strecke abfahren, allerdings ohne Haltestellen. Stattdessen muss man sich an den Straßenrand stellen, ein Micro heranwinken und später zum Aussteigen einmal quer durch den Bus schreien, dass man aussteigen möchte.

Neben all den Dingen, die ich nun neuerdings erledigen muss, habe ich es geschafft, einen Volleyballverein zu finden. Mit ein bisschen Glück habe ich, während ich zufällig bei einem Volleyballspiel einer Damenmannschaft zugeschaut habe, einen Bolivianer kennengelernt, der selbst Volleyball spielt. Das Glückliche daran ist, dass er bis zu seinem neunten Lebensjahr in Deutschland gelebt hat und deswegen fließend Deutsch sprechen kann. Als ich dann das erste Mal beim Training vorbeigeschaut habe, wusste ich nicht was mich erwartet und inwiefern sich das Ganze von meiner deutschen Volleyballerfahrung unterscheidet. Doch bereits nach den ersten paar Trainings kann ich sagen, dass ich eine Mannschaft mit sehr gutem Niveau gefunden habe. Die Frage ist viel eher, ob ich dabei mithalten kann. Denn ehrlicherweise habe ich gespürt, vier Monate keinen Sport gemacht zu haben und vor allem nicht wie normalerweise im flachen Berlin, sondern auf rund 2.800 Metern in Sucre zu spielen. Auch wenn die ersten Trainingserfahrungen in Bolivien wirklich anstrengend und nicht ganz so einfach waren, bin ich wirklich zuversichtlich, dass ich in dieser Mannschaft viel Spaß beim Volleyballspielen haben kann.

Doch auch wenn sich nun so langsam ein Gefühl des Alltags breit macht, gibt es fast wöchentlich besondere und neue Dinge, die ich erlebe und natürlich teilen möchte. So ist immer noch offen, wie meine erste richtige traditionelle Tanzerfahrung aussah, was ich nun wirklich im nächsten Blogeintrag erzählen werde.


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