Nach gut einem Monat melde ich mich wieder aus dem wunderschönen Bolivien. Und dabei möchte ich gleich die Möglichkeit nutzen und den langaufgebauten Spannungsbogen auflösen und von meinem bisher größten Highlight meines Auslandsjahres erzählen.
Wie schon oft angekündigt, haben wir bereits in unserem ersten Monat in Bolivien „die“ kulturelle Erfahrung machen können. Denn beim Feier- und Ehrentag der Schutzpatronin von Sucre, der Jungfrau von Guadeloupe, saß ich mit den anderen Freiwilligen nicht einfach nur am Straßenrand und habe die größte Parade des Jahres genossen.
Nein. Stattdessen waren wir mittendrin. Aber von Anfang an.
An unserem ersten Wochenende in Sucre gab es, wie fast jedes Wochenende, eine Parade, die quer durch die Stadt Richtung Hauptplatz verlaufen ist. Als sich abends die Parade aufgelöst hatte, sind wir als kleine Gruppe von Freiwilligen zu einem Mann und einer Frau in traditioneller und für uns komplett unbekannter Kleidung gegangen. Mit unserem gebrochenen Spanisch sind wir ins Gespräch gekommen und wurden im nächsten Moment gefragt, ob wir das Ganze nicht einfach mal selber ausprobieren wollen und bei der nächsten Parade mittanzen möchten. Mit der Einstellung, alles aus unserem Jahr in Bolivien mitzunehmen, haben wir sofort zugestimmt und die ersten Probetanzstunden verabredet. In den folgenden Wochen haben wir nicht nur verschiedene neue Tanzschritte gelernt, die wie die Musik, sehr marschähnlich waren, sondern auch viel über „Pujllay“, ein bolivianischer Tanz, bei dem Frauen und Männer getrennt tanzen, gelernt. Dabei tanzen die Frauen elegant und geschmeidig mit Fahnen in den Händen und die Männer mit riesigen Holzsandalen, die mit Metallschellen an den Fersen bei jedem Schritt ein lautes Klirren von sich geben und rosafarbenen Tüchern, die bei jeder Möglichkeit durch die Luft gewirbelt werden.
Zwei Wochen und vier Tanzstunden später standen wir also in voller Montur in der prallen Sonne auf der Straße und warteten auf unsere Tanzgruppe. Bereits hier hörte man laute Musik von riesigen Bands, die ständig spielten und vor uns liefen.
Ansonsten lässt sich wirklich sagen, dass an diesem Tag die gesamte Stadt auf den Straßen war. Entweder tanzte man selber bei der Parade mit, wobei wirklich Kinder und ältere Menschen jegliche Tänze mitmachten, oder man schaute sich das ganze Spektakel von den Tribünen am Straßenrand an. Hierbei war einfach zu spüren, vor allem während wir tanzten und durch die Straßen marschierten, wie sehr sich die Menschen an diesem Tag gefreut haben. Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass Zuschauende sich vor allem gefreut haben, als sie uns sahen. Vielleicht eine Mischung aus Stolz darauf, dass auch „Gringos“ ihre Kultur vertreten und wertschätzen, und einfach Freude, dass an diesem Tag alle, wirklich alle Menschen zusammenkamen. Denn neben Pujllay gab es mindestens zehn weitere traditionelle Tänze mit ganz eigener Kleidung.
Als wir nach rund sechs Stunden am Plaza angekommen sind, war ich nicht nur froh, meine Füße aus den Holzsandalen befreien zu können, sondern auch unfassbar stolz, diese wirklich anstrengende und gleichzeitig schöne Erfahrung gemacht und durchgestanden zu haben.
Die Bilder von Blasen und Schürfwunden, die in den nächsten Tagen zum Vorschein kamen, lasse ich an dieser Stelle aus.
Abschließend ist nur zu sagen, dass ich hoffe, diesen Moment, durch die Straßen Sucres zu tanzen, in so farbenfroher und irgendwie geschichtsträchtiger Kleidung und die anderen Menschen anzuschauen und ein Lachen oder ein stolzes Klatschen oder Zunicken zurückzubekommen, nie vergessen werde.
Um diesen Tag ein wenig greifbarer zu machen, folgen nun noch einige Fotos und Videos von diesem wirklich besonderen Tag (mehr Eindrücke wie immer auch in der Fotogalerie).



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